Ohne Rose im Mund

Tangotanzen an der Uni Bielefeld

von Jan Dresing (Scheinfrei Westfalen-Blatt, WS 2015/16)

Keine Rosen zwischen den Zähnen, auch keine schmachtenden Blicke: Die gängigen Tango-Klischees sind an Bielefelds Uni nicht zu finden. Stattdessen herrscht unter hellen Leuchtstoffröhren eine entspannte Atmosphäre.

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Einige der zehn Paare sind ganz auf ihre Schritte und die Musik fokussiert, andere plaudern locker, während sie sich über den grauen Linoleum-Boden schieben. Nicht der beste Untergrund zum Tanzen, doch die Teilnehmer wissen sich mit Babypuder zu helfen. Er erlaubt das Rutschen der Tanzschuhe. Selbst Turnschuhe sieht man im Einsatz, wobei mit silbernem Klebeband unter den Gummisohlen improvisiert wird. Die Tango-Klänge Südamerikas kommen aus einem »Ghettoblaster«.

Jörn Kitzhöfer ist Leiter des seit 2010 bestehenden Angebots »Tango Argentino«. Immer montags trifft sich zuerst der Anfängerkurs, der Teil des Hochschulsports ist, danach der Kurs für Fortgeschrittene. Der ist ein Angebot der Hochschulgruppe »Vagabunido« und steht auch für Externe offen. Zudem veranstaltet Kitzhöfer einmal im Monat einen Tango- Salon im Bielefelder Hotel-Restaurant Bartsch an der Viktoriastraße – ein Forum besonders für Anfänger.

Anders als bei den Standard-Tänzen erschöpft sich die Faszination des Tango Argentino nicht in raffinierten Figuren oder festgelegten Choreografien. »Caminar« steht im Vordergrund, das gemeinsame Gehen des Paares zur Musik. Für Jörg Kitzhöfer ist Tango Inspiration und Improvisation: »Die Musik führt uns. Sie ist der Stichwortgeber für das, was wir als nächstes machen können.« An diesem Abend stehen »Soltadas« auf dem Programm, eine Bewegungsform, bei der die klassische Tanzhaltung aufgelöst wird. »Das ist nichts für wahre Puristen, etwas aus dem Giftschrank«, fügt der Tanzlehrer augenzwinkernd hinzu.

Für die Kurse an der Uni Bielefeld sind keine Vorkenntnisse nötig. »Jeder hat verschiedene Voraussetzungen, jeder entwickelt einen eigenen Tanzstil«, so Kitzhöfer, der seit 2006 den Tanz-Salon in Ahlen betreibt. Er nennt das den »tänzerischen Dialekt«. Der Tango als gemeinsame Sprache. Marco Grabowski hat den Anfängerkurs vor dreieinhalb Jahren absolviert. Bereits nach einem Semester wechselte er zu den Fortgeschrittenen. »Tango ist Improvisation in einerfesten Struktur«, sagt der Physik-Student. Jetzt macht er eine Ausbildung zum Fachlehrer für Tango Argentino.

Der nächste Titel, der aus den Boxen kommt, ist ein langsamer. »Dejame con mi tristeza« – »Lass’ mich mit meiner Traurigkeit allein« singt ein Mann mit schwerer Stimme zu langsamen Streichern. Manche Paare tanzen Kopf an Kopf und haben die Augen geschlossen. »Tango besitzt ein hohes Maß an Poesie«, sagt Jörn Kitzhöfer. Und was sagt er zu dem berühmten Zitat George Bernhard Shaws, der Tango sei der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens? »Das ist ein Klischee und vermittelt ein vollkommen falsches Bild.« Tango sei mehr als Musik. »Er ist ein Teil meines Lebens und die kreativste Verbindung von Musik und Bewegung als Kunstform. Tango erhält den kindlichen Spieltrieb.«

Das findet auch Lea Püttmann. Sie schätzt am Tango seine Spontaneität, Flexibilität und Ästhetik. »Tango hat mich immer schon gereizt«, sagt die Bielefelder Studentin. An der Uni konnte sie ihn endlich erlernen – fernab aller Klischees.

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Gin

Er bleibt der Drink der Stunde – und inspiriert immer mehr Destillerien.
Hier eine Auswahl von Neuheiten.

von Jan Dresing (WAGEN EINS, Das Magazin der Deutschen Bahn für Geschäftsreisende, 1/2014)

Man muss schon ein bisschen suchen. Leicht zu finden ist die Destillerie von Stephan Garbe nicht. In einem verwinkelten Gewerbehof in Hamburg-Altona, zwischen einer Oldtimer-Werkstatt und einer Baufirma, brennt er vor Kacheln mit himmelblauem Muster seinen »Gin Sul«. In kleiner Auflage und von Hand.

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Spätestens seit dem Erfolg von »Monkey 47« wissen wir, dass guter Wacholderschnaps auch aus Deutschland kommt. 2011 wurde er bei einer Blindverkostung zum besten Gin der Welt gewählt. Nun ist der Geist aus der Flasche, kein Monat vergeht ohne eine neue Kreation aus Deutschland. »Das erhöht die Vielfalt auf dem Markt«, sagt Stephan Garbe. Und zwinge jeden Hersteller dazu, seine besondere Note zu entwickeln. So hat sein Produkt portugiesische Wurzeln. Einfache Zutaten von der Westalgarve sorgen für feine Zitrusnoten im Geruch und für die Betonung des klaren Wacholdertons im Geschmack.

»Ferdinand’s Saar Dry Gin« wird mit Riesling versetzt, der Gin von Simon Feinbrenner offenbart Aromen von Koriander und Kardamom, dagegen verströmt der »Elephant Gin« von Robin Gerlach einen Hauch von Exotik – ein komplexer, aber weicher Schnaps mit leichtem Aroma von Piniennadeln. Hier ist der Name Programm: Von jeder verkauften Flasche kommen 15 Prozent dem Schutz afrikanischer Elefanten zugute. Hype hin oder her: Wichtig ist es, seiner Zunge zu vertrauen. Und der Nase, wie die Autoren des informativen Buches »Its Gin Time« [Edition Delius] schreiben. »Denn keine andere Spirituose ist dem Riechorgan so innig verbunden wie der Gin.« Kein Wunder: In guten Gins stecken manchmal mehr als 50 pflanzliche Zutaten.

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»Danke für eure Treue«

»11 Freunde«-Jubiläumslesung mit den Gästen Ansgar Brinkmann und Uwe Fuchs

von Jan Dresing (Westfalen-Blatt 14.09.2015)

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Seit zehn Jahren gehen die »11 Freunde«-Redakteure in Gestalt von Philipp Köster und Jens Kirschneck auf Lesereise. In Bielefeld haben sie am Samstagabend mit 900 Zuschauern in der voll besetzten Oetkerhalle darauf angestoßen. Mit dabei waren auch zwei Ehrengäste mit Arminia-Bezug.

11freunde2»Darf das Bier mit aufs Foto?«, fragt Jens Kirschneck hinter der Bühne. Durfte es. Ex-Armine Uwe Fuchs (von links), die »11 Freunde«-Redakteure Philipp Köster und Jens Kirschneck sowie der »weiße Brasilianer« Ansgar Brinkmann kurz vor der Geburtstags-lesung in der Oekterhalle. Foto: Jan Dresing

Jens Kirschneck hat kein Mützengesicht. Das wird nach eigener Aussage spätestens dann zum Problem, wenn der Stadionbesuch in die kalten Wintermonate fällt. Und sowieso trägt er im Stadion nur seinen schwarz-weiß-blauen Strickschal. Das kann auf fremden Terrain zu Irritationen führen: Auf Schalke spuckte ihm einst ein königsblau-weiß Beschalter ein Stück Currywurst ins Gesicht – und das alles wegen eines Stücks schwarzen Stoffs. Diese Anekdote ist der Auftakt eines zweistündigen Angriffs auf die Lachmuskeln des Publikums.

Seit 2005 gehen die beiden »11 Freunde«-Redakteure und Exil-Bielefelder auf Lesereise. Im Gepäck haben sie eine bunte Mischung aus gut abgehangenen Anekdoten, humorigen Texten und Videosequenzen. In unmittelbarer Nähe zur Wirkungsstätte ihrer geliebten Arminia feiern die beiden bebrillten Fußballexperten also ihr Zehnjähriges. Dafür haben sie zwei Bühnengäste mit DSC-Bezug eingeladen: Uwe Fuchs, »der die 100-Meter immer noch unter 30 Sekunden läuft«, so Köster, und den ewigen weißen Brasilianer Ansgar Brinkmann. Letzterer sorgt vor allem mit seinen zahlreichen Anekdoten für Lacher im Publikum. Etwa wenn er den Linienrichter mit »Auszubildender, wir wechseln« anblaffte und sich selbst ins Spiel brachte oder einem Mitspieler auf den Anrufbeantworter sprach: »Wenn ich du wäre, wäre ich lieber ich.« Kirschneck konstatiert: »Ein großer Fußballphilosoph.«

Köster erzählt von alkoholgeschwängerten Auswärtsspielen im Amateurfußball der Neunziger-Jahre und sinniert über die Maskottchen Berni, Wölfi und Bumsi, jene tumben und plüschigen Ungeheuer, die debil ins Publikum winken. Kirschneck berichtet wehmütig von seiner Karriere in der Wilden Liga oder wie er einst sein Handy in der Vereinsgaststätte von Rot-Weiß Essen vergaß. Dazu gibt es rasante Filme mit legendären Interviews oder Sanitätern in der Not und ein »Worst of« der schlimmsten Panini-Bilder. »Die Frisuren muss man auch wollen«, kommentiert Kirschneck. Zum Abschluss wird das »Jahrhundertwerk der Lesereise« gezeigt: Die zehn schönsten Schwalben.

1995 brachte Köster das kleine aber legendäre Arminia-Fanzine »Um halb vier war die Welt noch in Ordnung« heraus. Danach zog er nach Berlin und gründete »11 Freunde«, zunächst in einer kleinen Auflage von 1000 Stück. Heute ist das Magazin das beliebteste Heft für Fußballkultur in Deutschland – dabei immer intelligent, unterhaltsam und humorvoll. Beim zehnten Geburtstag der Lesereise ist es an der Zeit, sich zu bedanken: »Ohne das, was in Bielefeld los ist und wie hier Fußballkultur gelebt wird, wäre das alles nicht möglich gewesen«, sagt Köster. »Danke für eure Treue.«

Streifzug durch die Fankultur

Journalist Hardy Grüne liest im Fanprojekt

Von Jan Dresing (Westfalen-Blatt, 17.3.2015)

Fans mit Sakko, Krawatte und einem Kasten Bier auf der Stehplatztribüne, Kutten auf Schalke, ein Fahnenmeer im Hamburger Volksparkstadion. Es sind Bilder einer vergangenen Zeit, die der Journalist Hardy Grüne im voll besetzen Bielefelder Fanprojekt mit einem Beamer an die Wand wirft. Mal in schwarz-weiß, mal in Farbe. Sie sind Teil seines bildstarken Vortrags über die Geschichte der deutschen Fankultur – eine bebilderte Zeitreise.

Beim Vortrag wird deutlich: Fußball war schon immer Identitätsstiftung und Gemeinschaftserlebnis – und Fankultur war schon immer das Austesten von Grenzen. Sie hat sich gewandelt und verändert, auch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Einflüsse. Grüne stellt die Fußballkultur über die Jahrzehnte dar und bildet die Leidenschaft, die Kreativität, die Freude, aber auch die Gewalt, die Feindschaften und den Kommerz ab.

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Foto: Jan Dresing

Grüne (52), den die FAZ einmal als das „Gedächtnis des Fußballs“ bezeichnete, ist praktizierender Fußballfan, sein Herzensklub Göttingen 05. Die meisten Fotos, die er zeigt, stammen aus seinem Bildband „Wenn Spieltag ist. Fußballfankultur in Deutschland“. Er ist eine Hommage an die Fankultur seit Beginn der Bundesliga und zeigt in großformatigen Bildern den Wandel, dem sie seit nunmehr 51 Jahren unterliegt. Grünes gute Bildrecherche hat einige Schätze ans Tageslicht gefördert, die oft zum Schmunzeln anregen. Etwa wenn Vitali Klitschko zähnefletschend mit einem königsblauen „Tönniesfleisch“-Schal publikumswirksam auf Schalke posiert.

Die Vorboten von Fankultur kündigten sich schon nach dem Ersten Weltkrieg an. Fußball wurde zur Massenkultur, die ersten Fahnen hielten Einzug in die deutschen Stadien. Doch es dauerte bis in die fünfziger Jahre, bis eine Unterscheidung zwischen Zuschauer und Fans offensichtlich wurde. Mit der Bundesliga-Gründung entstanden erste Fanclubs. Die Stadien wurden durch Fahnen und Schals bunter, aber auch lauter. Dafür sorgten Trompeten oder Pressluftfanfaren. Gleichzeitig bildeten sich in den Kurven Hierarchien heraus: In den siebziger Jahren gaben die Kutten den Ton an, in den Achtzigern folgten die Hooligans und ab Mitte der Neunziger die Ultras.

Mit der Jahrtausendwende setzte eine Kommerzialisierung des Fußballs ein, die heute mitunter skurrile Blüten treibt. Immer mehr aktive Fans wenden sich von ihren Vereinen ab. Nicht zuletzt deswegen stellt sich für Hardy Grüne die Frage: „Wie sieht die Fankultur der Zukunft aus?“ Eine komplexe Frage, die auch das interessierte Publikum umtreibt. Eine einfache Antwort kann beim kurzweiligen Abend im Fanprojekt dafür freilich nicht gefunden werden.

Auf eine Kippe mit Rocko Schamoni

Hamburger Autor liest aus neuem Buch „Fünf Löcher im Himmel“

von Jan Dresing (Westfalen-Blatt 18.12.2014)

»Dieses Heft ist privat! Was darin steht, geht niemanden etwas an! Wer auch immer es lesen sollte, wird dafür bestraft werden.« Hier beginnen 1966 die Tagebucheinträge des 17-jährigen Paul Zech. Er ist die Hauptfigur in Rocko Schamonis neuem Roman »Fünf Löcher im Himmel«. Heute, fast 50 Jahre später, ist ihm nichts geblieben – außer dieses Tagebuch. Er hat sein Leben gründlich vor die Wand gefahren. »Einmal vom Gleis runter, und du bleibst daneben. Für immer daneben«, sagt der alte Paul lakonisch. Es ist die melancholische Geschichte über einen Mann, der von seinem Leben nichts mehr zu erwarten hat, eine dramatische Road-Novel über gescheiterte Träume.

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Foto: Thomas F. Starke

Es ist ein ungewöhnlich ernstes Buchkonzept für den Hamburger Humoristen, Musiker und Entertainer. Dass bei der Lesung in Bielefeld trotzdem viel gelacht wird, liegt an seinem absurden und teils subversiven Humor. Allein sein Auftreten wird vom Publikum bejubelt. Er kommt in einem schwarzen Satinhemd und grauen Tweedjacket auf die Bühne. Am Gürtel blinkt auffällig eine goldene Schnalle. Umständlich räumt er seine Taschen aus und begrüßt die 230 Zuhörer ironisch zu seiner »kleinen Europatournee«: »Gestern war ich in Münster, heute in Bielefeld und morgen lese ich in Frankfurt. Heute ist also Bergfest.« Den Tourauftakt habe er so ausgiebig gefeiert, dass er nun zu Fenchel-Anis-Kümmel-Tee greifen müsse. »Ich weiß, dass ich es mit einem jungen, aggressiven Weihnachtsmarktpublikum zu tun habe. Daher lese ich vor allem Pauls Jugendgeschichten«, sagt Schamoni zu seinem Programm.

Das Tagebuch bringt den Paul im Rentenalter zurück in die Schulzeit. Es erzählt von Katharina Himmelfahrt, in die er sich bei den Proben des Schultheaters zu den »Leiden des jungen Werthers« verliebt. Paul nimmt sich ein Herz, schreibt Katharina Liebesbriefe und lädt sie zum Essen ein. Zwischen zwei Tagebucheinträgen wechselt Schamoni auf der Bühne von Tee zu Bier. Paul schreibt von den ersten Küssen und dem ersten Sex mit Katharina, aber auch von seinem Widersacher und Nebenbuhler, dem schnöseligen Franz Keil.

Bei der Zugabe zeigt sich Rocko Schamonis schräger Humor in Reinform. Er liest Kurzgeschichten rund um Michael Sonntag, den Protagonisten seiner Bücher »Sternstunden der Bedeutungslosigkeit« und »Tag der geschlossenen Tür«. Die Lacher aus dem Publikum reißen nicht ab, deswegen sind die Leute gekommen. Sonntag schickt absichtlich schlecht geschriebene Buchanfänge oder -konzepte an Verlage. Etwa mit dem Titel »E-Mail für Emil«. Oder »Europa Mon Amour«, das von der Liebe einer Pariser Intellektuellen zu einem norddeutschen Bauern aus Eckernförde erzählt. Oder die Familiengeschichte »Immer Ärger mit Herr Berger«, bei der sich der Hamburger Autor – in einem Anflug kalkulierter Total-Egal-Haltung – auf der Bühne eine Zigarette ansteckt.

Auf eine Kippe mit Rocko Schamoni. Das Bielefelder Publikum ist nach dem kurzweiligen Abend begeistert.